Niemand geht aus so einer Geschichte als derselbe Mensch heraus, als der er hineingeriet.

Tabea erzählt von ihrem Kampf gegen Sepsis …


Alles begann im Grunde mit einem Gefühl von Schwäche und Ermattung. Bei Frauen zu bestimmten Zeiten im Monat nichts Ungewöhnliches. Doch dann kamen Übelkeit und Erbrechen hinzu und noch immer dachte ich, dass das eben eine Magen-Darm- Grippe sei, Pech gehabt, Augen zu und durch. Kopfschmerzen und schlimme Schmerzen im Nacken sowie Durchfälle und Fieber entwickelten sich in der Nacht und ich fühlte mich so unbeschreiblich elend und krank, wie ich es noch nie zuvor auch nur ansatzweise getan hatte. Meinen Freunden verdanke ich, dass ich, nachdem ich kurzzeitig das Bewusstsein verloren hatte, mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus kam.

Allerdings lautete die Verdachtsdiagnose, dass ich mich mit dem NORO-Virus infiziert hätte. Statt umfassender Untersuchung wurde ich in ein Isolierzimmer gesteckt. Wieder waren es meine Freunde, die später im Krankenhaus intervenierten. Endlich nahm sich ein Arzt Zeit, mich genauer zu untersuchen und ich hatte Glück, dass er die schwere Sepsis schnell erkannte. Mein Körper war mittlerweile von kleinen roten Einblutungen in der Haut übersät. Der septische Schock hatte sich bereits eingestellt und ich hatte schon längst das Bewusstsein verloren.

Sofort nach der Diagnose begann man mit einer Breitbandantibiose und Infusionen von Kochsalzlösung. Meine Lungen versagten und ich wurde intubiert und ins künstliche Koma versetzt. Die Gerinnung meines Blutes versagte und aus allen Körperöffnungen, selbst aus den Schleimhäuten lief Blut. Die Ärzte hatten zu diesem Zeitpunkt so gut wie keine Hoffnung mehr.

Ich bekam am Tag etwa zehn Liter Infusionslösung, um das, was von meinem Kreislauf noch übrig war, zu stabilisieren. Da meine Nieren versagten, lagerte ich all das Wasser ein und nahm so in nur sechs Tagen vierzig Kilogramm zu. Meine Haut bildete extreme Dehnungsstreifen, Blutblasen bildeten sich und die Haut schälte sich stellenweise ab. Auf dem Rücken, am Gesäß und den Oberschenkeln bildeten sich sehr große Flächen, die nicht mehr durchblutet wurden und somit abstarben, tiefschwarze, Din-A4- große Nekrosen. Meine Finger und Zehen wurden wegen der extremen Blutwerte nicht mehr durchblutet und starben ebenfalls ab.

Irgendwann diagnostizierten die Ärzte Nekrosen und Gefäßverschlüsse im Stammhirn. Der Hirndruck war zu groß, es hatten sich Hirnödeme gebildet. Meinen Freunden und der Familie war zu diesem Zeitpunkt klar, dass ich, nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass ich das alles überlebe, wahrscheinlich ein Schwerstpflegefall sein würde. Daraus machten auch die Ärzte kein Geheimnis. Doch mein Körper wehrte sich und das Unwahrscheinliche geschah. Meine Blutwerte stabilisierten sich und ich erlangte nach dem künstlichen Koma und dem anschließenden tagelangen Wachkoma endgültig mein Bewusstsein zurück.

Ich hatte die Finger der linken Hand, Teile der rechten Hand und alle Zehen verloren. Nach der Dialyse, die all das Wasser aus meinem Körper gefiltert hatte, war ich auf dreiundvierzig Kilogramm abgemagert. Die Wunden an meinem Körper waren so großflächig, dass nur mehrere Hauttransplantationen halfen. Ich war innerlich getrieben von dem Gedanken daran, zurück in das normale Leben zu kommen. Ich kämpfte gegen die unsäglichen Schmerzen und die Einschränkungen an, überstand alle Operationen und eine Infektion mit dem MRSA-Kein. Nach einer Ewigkeit konnte ich aus dem Krankenhaus entlassen werden.

Niemand wird aus so einer Geschichte als derselbe Mensch hervorgehen, als der er hinein geriet. So auch ich nicht. Mit jeder Fähigkeit, die ich mir zurück erkämpfte, wuchs mein Willen, keines meiner sogenannten Defizite anzuerkennen. Meine Freunde halfen mir dabei, unterstützten mich und tun das noch heute. Ohne sie wäre ich heute tot, das weiß ich. Die Narben meines Körpers sind heute ein Teil von mir, sind integraler Teil meiner Biografie. So wie die tiefen Narben auf meiner Seele auch. Ich trage sie mit Würde und kann heute, kaum ein Vierteljahr nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus, sagen, dass es sich gelohnt hat, zu kämpfen. Dass es sich gelohnt hat, jene Punkte zu überwinden, an denen ich Zweifel hatte, ob es sich weiter zu leben lohnt.

Offizielle Hilfe für Sepsis-Opfer gibt es kaum. Kaum jemand weiß über diese Sache und noch weniger Ärzte und Pfleger haben eine Ahnung über die Spätfolgen, seelische wie körperliche. Und es gibt kaum ein Forum, in dem man sich als Betroffener austauschen kann mit anderen Opfern der Sepsis, vielleicht, weil zu wenige einen septischen Schock überhaupt überleben. Das muss anders werden!

Tabea Radke, 30 Jahre alt aus Lippstadt