Neue Global Burden of Sepsis Studie zeigt: Die Zahl der Todesfälle und die Häufigkeit von Sepsis ist doppelt so hoch wie bisher angenommen und betrifft 20 Prozent aller Todesfälle weltweit.

21.01.2020. Eine neue Studie mit den bislang umfassendsten Daten zur Häufigkeit von Sepsis und Sepsistodesfällen wurde heute in der Zeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht. Sie bestätigt, dass die Krankheitslast durch Sepsis doppelt so hoch ist wie bisher geschätzt, und dass 20 Prozent aller Todesfälle weltweit auf dieses zu selten als Todesursache angegebene Krankheitssyndrom zurückzuführen sind.

Die Studie „Global, regional, and national sepsis incidence and mortality, 1990–2017“ wurde vom Institute of Health Metrics and Evaluation (IHME) in Seattle durchgeführt, das für den jährlichen „Global Burden of Disease Report“ zuständig ist. Die Studie liefert, basierend auf der Auswertung von Totenscheinen, zum ersten Mal Daten in Bezug auf Alter, Geschlecht, Region und den zugrundeliegenden Ursachen für das Entstehen einer Sepsis. 

Die Studie zeigt für das Jahr 2017 weltweit 48,9 Millionen Sepsisfälle. Dies entspricht 677 Krankheitsfälle per 100,000 Erdbewohnern. Für 11 Millionen Menschen endete die Erkrankung tödlich. Die bisherigen Schätzungen basierten hauptsächlich auf Abrechnungsdaten von hospitalisierten Erwachsenen in sieben Ländern mit hohem Einkommen und gingen von jährlich 19,4 Millionen Sepsisfällen und 5,3 Millionen sepsisbedingten Todesfällen aus.

„Die Ergebnisse dieser Studie bestätigen auf beeindruckende Weise die Bedeutung der Resolution „Verbesserung, der Prävention, Früherkennung, Diagnose und Behandlung der Sepsis“, mit der die World Health Assembly 2017 auf Initiative des deutschen Bundesgesundheitsministeriums (BMG) Sepsis eine hohe Priorität eingeräumt hat“ sagt Prof. Dr. Konrad Reinhart, Mitautor der Publikation, Vorsitzender der Sepsis-Stiftung und Präsident der Global Sepsis Alliance, die 2014 aus Deutschland heraus weltweit für das Zustandekommen dieser Resolution gearbeitet hat.

Die meisten Sepsisfälle finden sich in Afrika südlich der Sahara und Teilen Asiens – Regionen, die am wenigsten dafür ausgestattet sind, Sepsis vorzubeugen, zu erkennen, zu behandeln oder Sepsis-Überlebende mit langfristigen gesundheitlichen Folgen angemessen zu versorgen.

Neuere, auf der Basis der Auswertung von Krankenakten basierende Studien aus den USA und Schweden zeigen jedoch, dass die Häufigkeit von Sepsis in diesen Ländern mit 500 bzw. 700 pro 100,000 Einwohnern in der gleichen Größenordnung liegt, wie in den Ländern mit niedrigem Einkommen. Erste wissenschaftliche Erhebungen aus Deutschland, die ebenfalls auf der Auswertung von Krankenakten beruhen, legen nahe, dass auch hier die Sepsishäufigkeit doppelt so hoch ist als dies bisher auf Grundlage der von den Krankenhäusern aus Abrechnungsgründen gemeldeten Sepsisfälle vermutet wurde.

„Da die Sepsissterblichkeit in Deutschland, im Vergleich zu Australien, England und den USA doppelt so hoch ist, ist es dringend geboten, die seit 2013 an das BMG gerichtete Forderung für einen Nationalen Sepsisplan aufzugreifen und dem einstimmigen Wunsch der Gesundheitsministerkonferenz der Länder vom Juni 2018 zur Umsetzung der Forderungen der WHO Sepsis-Resolution in Deutschland nachzukommen“, so Reinhart weiter.

Sepsis, manchmal auch als „Blutvergiftung“ bezeichnet, ist der lebensbedrohliche Zustand, der entsteht, wenn die Reaktion des Körpers auf eine Infektion zu einer Organdysfunktion oder einem Organversagen führt. Die auf eine lebensbedrohliche Sepsis hinweisenden Symptome sind Laien, aber oft auch Ärzten und Pflegekräften ebenso wenig bekannt wie die Tatsache, dass Sepsis, wie Herzinfarkt oder Schlaganfall, als Notfall behandelt werden muss.