Aufruf anlässlich des „Welt-Sepsis-Tages“ und des „Welttages der Patientensicherheit“  

05. 09. 2019. Deutschland liegt bei der Zahl der vermeidbaren Todesfälle zusammen mit Slowenien und Malta im europäischen Vergleich im Mittelfeld. Die Sterblichkeit bei Sepsis und bei Herzinfarkt ist in Deutschland doppelt so hoch wie in Australien bzw. in Norwegen. Sepsis gilt als die Nummer eins bei den vermeidbaren Todesursachen. Diese Zahlen stehen in Widerspruch zu der Behauptung von Gesundheitspolitikern und Ärztefunktionären, wir hätten in Deutschland eines der besten Gesundheitssysteme der Welt. Die Sepsis-Stiftung fordert deshalb die politischen Entscheidungsträger und Akteure im Gesundheitswesen auf, endlich die Umsetzung der Forderungen von Betroffenenorganisationen, medizinischen Fachgesellschaften und der WHO in Deutschland ernsthaft voranzutreiben. 

Durch Diagnose- und Behandlungsfehler bedingte Todesfälle rangieren unter den 10 häufigsten Todesursachen weltweit. Inklusive der Folgeerkrankungen haben diese jährlich ca. 64 Millionen verlorene bzw. durch Krankheit beeinträchtigte Lebensjahre als Folge (In: Kohn LT, Corrigan JM, et al., eds. To Err is Human: Building a Safer Health System, Washington (DC) 2000). Es wird geschätzt, dass in den OECD-Ländern 15% der Ausgaben und Versorgungsaktivitäten der Behandlung von vermeidbaren Diagnose- und Behandlungsfehlern zuzuordnen sind (“Patient Safety – A Grand Challenge for Healthcare Professionals and Policymakers Alike” Roundtable at the Grand Challenges Meeting of the Bill & Melinda Gates Foundation, 18. Oktober 2018). Im Länderprofil Gesundheit 2017 der EU-Kommission liegt Deutschland mit jährlich 88,2 vermeidbaren Todesfällen pro 100.000 Frauen und 139,6 pro 100.000 Männern nur knapp über dem EU Durchschnitt, hinter Malta bzw. Slowenien. Im Gegensatz dazu ist Deutschland bei den Gesundheitsausgaben Spitzenreiter mit über 40% mehr Ausgaben im Gesundheitswesen als der EU-Durchschnitt.

Angesichts dieser Situation hat die WHO 2019 die Resolution ‘Global Action on Patient Safety’ beschlossen und einen “World Patient Safety Day” ausgerufen. Bei Sepsis – der schwersten Verlaufsform von Infektionen – geht die WHO davon aus, dass die Mehrzahl der jährlich weltweit mindestens 5 Millionen Sepsistoten vermeidbar ist und fordert in einer 2017 verabschiedeten  WHO-Resolution nationale Strategien zur besseren Vermeidung, Früherkennung und Behandlung von Sepsis. In Deutschland sind jährlich ca. 15 – 20.000 Sepsis-bedingte Todesfälle vermeidbar (Memorandum). In Deutschland ist die Sterblichkeitsrate bei schwerer Sepsis mit 41,7% höher als in Australien mit 18,4%, den USA mit 24% und England mit 32,1%.  „Die Hauptgründe hierfür sind die Unkenntnis der Bürger über Möglichkeiten der Vorbeugung und die Frühsymptome einer Sepsis, sowie die mangelnde Schulung des ärztlichen und pflegerischen Personals bei der Erkennung und Behandlung von Notfällen“ sagt Konrad Reinhart, Vorstandsvorsitzender der Sepsis-Stiftung sowie Seniorprofessor am Universitätsklinikum Jena und BIH Visiting professor an der Charité in Berlin. Auch beim akuten Herzinfarkt, der wie Sepsis als Notfall behandelt werden muss, liegt Deutschland im OECD Ländervergleich bei der 30-Tage-Sterblichkeit mit 7,7% deutlich höher als Norwegen mit 3,7%, Dänemark und Australien mit jeweils 4%.

Die Unterzeichner eines von hochrangigen Gesundheitsexperten an das Bundesgesundheitsministerium gerichteten Dossiers benennen als weitere wesentliche Ursachen der unvertretbar hohen Sepsissterblichkeit in Deutschland: a) die Strukturdefizite bei der Organisation der Notaufnahmen, b) das Fehlen von medizinischen Notfallteams für die innerklinische Notfallversorgung, c) die oft unzureichende interdisziplinäre und fachgruppenübergreifende Kooperation innerhalb der Krankenhäuser, c) den Mangel an Infektiologen, Hygieneärzten und Ärzten im öffentlichen Gesundheitsdienst, und d) die im Vergleich zu angelsächsischen Ländern in Deutschland deutlich niedrigeren Impfraten.

In den USA hat das “Institute of Medicine” bereits vor 20 Jahren mit dem Report “Irren ist menschlich” eine breite Bewegung für mehr Patientensicherheit ausgelöst. Fehl- und verzögerte Diagnosen gelten als die Hauptursachen für vermeidbare Todesfälle. Deshalb wurden in den USA und in anderen angelsächsischen Ländern Maßnahmen wie „Rapid Response Systeme“ und Teams zur Verbesserung der Früherkennung und unmittelbaren Behandlung von akut lebensbedrohlichen Störungen, wie der Lungen- und Kreislauffunktion auf freiwilliger Basis bzw. über die staatlich gelenkten Gesundheitssysteme implementiert, die dort inzwischen Standard sind. In den Jahren 2007 bis 2014 konnte mit diesen Maßnahmen beispielsweise in New South Wales/Australien eine 46%-ige Reduktion der Häufigkeit von Herzstillständen und ein Rückgang der Sterblichkeit bei Herzstillständen um 54% erreicht werden. Auch ging dort die Gesamtkrankenhaussterblichkeit um 19% zurück und die Rate von vergeblichen Wiederbelebungsversuchen reduzierte sich um 35% (Chen J, Ou L, et al. Resuscitation 2016;107:47-56). Am 12.09. wird es daher anlässlich des „Welt-Sepsis-Tages“ und des „1. Welttages der Patientensicherheit“ unter der Ägide des Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) eine Fachveranstaltung zur Sepsis geben. Dort werden Experten aus Deutschland, USA und England sowie Betroffene erneut aufzeigen, welche von Krankenhausvorständen, Gesundheitsbehörden, Betroffenenorganisationen und der Politik initiierten Maßnahmen sich als effektiv erwiesen haben, die Zahl der vermeidbaren Todesfälle im Krankenhaus zu reduzieren. Gegenstand der Diskussion auf dieser Veranstaltung wird auch sein, wie es endlich gelingen kann, die Forderung für einen nationalen Sepsisplan und den Beschluss der Gesundheitsministerkonferenz zur Umsetzung der Forderungen der WHO Sepsis Resolution in Deutschland vom Juni 2018 zu realisieren. Hier gibt es, durch ein von der Leitung des Bundesministeriums für Gesundheit ausgelöstes Kompetenzgerangel zwischen Bund und Ländern, seit über einem Jahr keinerlei Aktivitäten.